Lebensgrundlage Wasser - Beregnung mit Donauwasser in Niederösterreich

(c) Roland Grames

Weinviertel und das südliche Wiener Becken sollen mit Donauwasser bewässert werden

Wasser als Lebensspender. Als dominierender Bestandteil der Erde, die zu mehr als zwei Drittel aus Wasser besteht. Wasser als rätselhafte chemische Verbindung, die sich in ihren Eigenschaften von allen anderen Flüssigkeiten unterscheidet. Und Wasser als Wirtschaftsfaktor. "Wer das Wasser hat, gestaltet die Zukunft", sagt Hermann Schultes, Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich und Niederösterreich sowie des niederösterreichischen Bauernbundes. Angesichts der Dürreperioden, die aufgrund des Klimawandels immer trockener und kürzer getaktet sind, hänge vom Wasser sogar die Zukunft gesamter Regionen ab.

Vor allem im Osten Österreichs geht es mitunter ums Überleben der landwirtschaftlichen, wertschöpfungsintensiven Kulturen wie Karotten, Grünerbsen, Mais, Erdäpfel, Zuckerrüben und Sojabohnen - und der Landwirte, die dahinter stehen. Selbst der Tiefwurzler Wein bräuchte bei der gewaltigen Blatt- und Traubenmasse, die er produzieren soll, zusätzliches Wasser.

Thaya führt zu wenig Wasser

Es sei daher höchst an der Zeit, so Schultes, die Risikogebiete Ostösterreichs abzustecken und unter diesen jene Regionen zu finden, die in der Zukunft potenziell bewässerbar wären - und zwar mit Donauwasser, dem Beispiel des 1992 in Betrieb gegangenen Marchfeldkanals folgend. Nur viel größer. Denn die Flüsse in dem Gebiet wie etwa die Thaya führten während einer Dürreperiode zu wenig Wasser.

Die Landwirtschaftskammer habe daher eine Machbarkeitsstudie initiiert, "die ganz konkret aufzeigen soll, wo und wie die Möglichkeiten, die die Donau zur Bewässerung bietet, auch genützt werden können", sagt Schultes. Auch Fragen des Umweltschutzes und der Ökologie müssten geklärt werden. Obwohl die Zeit dränge, sei aufgrund des gewaltigen Umfangs des Vorhabens dieses jedoch ein langfristiges, ergänzt Franz Raab, Direktor der niederösterreichischen Landwirtschaftskammer, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Einzelne Pilotprojekte seien zwar in näherer Zukunft möglich, "wenn in zehn Jahren in den angepeilten Gebieten schon Wasser rinnt, wäre das aber sehr schnell".

Nach der aktuellen Sitzung zur Machbarkeitsstudie diese Woche beantwortete Wolfgang Neudorfer, Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft Marchfeldkanal, der in das neue Vorhaben ebenfalls involviert ist, zumindest die erste Frage nach dem "wo" folgendermaßen: "Wir kamen auf etwa 250.000 Hektar, die in Frage kommen. Sie befinden sich vor allem im Weinviertel und südlichen Wiener Becken." Das ist eine Fläche sechsmal so groß wie Wien.

Ein Ausschlusskriterium der bewässerbaren Felder seien zum Beispiel zu steile Hänge gewesen, da eine Bewässerung bei diesen mit einer Erosionsgefahr einhergehe. Zum Vergleich: Im Marchfeld sind weniger als ein Drittel, nämlich rund 70.000 Hektar, zu einem großen Teil mit Bewässerungsanlagen ausgerüstet, von denen jährlich bis zu 40 Prozent (28.000 Hektar) bewässert werden.

Damit eng verbunden ist auch die zweite eingangs erwähnte Frage, jene nach dem "wie". Eine spannende Frage, wie Raab meint. Hier werde sich das neue Vorhaben vermutlich deutlich vom Marchfeldkanal unterscheiden. Denn anders als im weithin auf gut Österreichisch als brettleben bekannten Marchfeld seien vor allem im hügeligen Weinviertel offene Kanäle eher schwierig zu errichten. Stattdessen seien eventuell unterirdische Rohrsysteme mit Pumpen angedacht, sagt Raab. Konkrete Antworten auf Fragen wie diese müsse man aber noch herausarbeiten. Fakt sei, dass die entnommene Menge Wasser nie so groß sein werde, dass die Schifffahrt oder die anschließenden Donauländer beeinträchtigt wären.

Die Art der Bewässerung auf den Feldern selbst könnte - was Gemüse und Hackfrüchte wie Mais und Sojabohnen betrifft - wiederum ähnlich wie beim Marchfeldsystem erfolgen, ergänzt Neudorfer. Hier seien vor allem Rohrberegner und Beregnungsmaschinen im Einsatz. Erstere bewässern streifenförmige Flächen, indem aus einem Rohr mehrere Regner ragen, die sich im Kreis drehen. Beregnungsmaschinen sind eigentlich ausgezogene Schläuche mit einem Regner an deren Ende, die motorisch auf eine Rolle - die Haspel - gewickelt werden und sich somit von einem Ende des Feldes zur Rolle bewegen.

Wachau schon lange bewässert

Theoretisch könnte zwar alles vollautomatisch vonstattengehen, sagt Neudorfer: Sensoren könnten die Bodenfeuchte messen, und ab einem bestimmten Trockenheitsgrad könnten sich die Beregner einschalten. "Üblicherweise lässt es sich der Landwirt aber nicht nehmen, den Boden selbst zu kontrollieren", so Neudorfer. Bei drohender Dürre müsse er vor allem bei Gemüse innerhalb weniger Tage reagieren, weil dieses regelmäßig Wasser brauche, um zu überleben.

Und selbst Wein brauche mitunter zusätzliches Wasser. Die Wachau etwa, ein Weltkulturerbe, würde es in dieser Form nicht geben, würde man die Weinstöcke nicht seit Jahrzehnten bewässern. Sie wurzeln zwar tief in ihren Terrassen, allerdings in Gesteinsböden, die Wasser nicht speichern. Zudem würde bei anhaltender Trockenheit die Ernte geringer ausfallen.

In der Wachau kommt dafür eine Tröpfchenbewässerung zum Einsatz, die über das Uferfiltrat der Donau gespeist wird - also aus dem von Donauwasser durchflossenen Uferbereich entnommen wird. Dass das Wasser filtriert und frei von Schwebkörpern durch die Rohre fließt, ist in diesem Fall wichtig, weil sonst die kleinen Tropfdüsen verstopfen würden. Diese Tröpfchenbewässerung basiert nämlich auf dem Prinzip, dass an Schläuchen in regelmäßigen Abständen Auslässe angebracht sind, über die geringe Wassermengen tröpfchenweise abgegeben werden.

Auch im Tullnerfeld, um Neunkirchen oder im Eferdinger Becken in Oberösterreich wird bewässert. Regionale, kleinräumige Bewässerungssysteme gibt es in Österreich mehrere. Die Landwirte greifen fast immer auf Beregner oder die Tröpfchenbewässerung zurück. Weltweit gibt es freilich eine breite Palette an Bewässerungsverfahren wie Unterflurbewässerung mithilfe von Grundwasser oder Flächenstaubewässerung beim Reisanbau.

"Bund und Land sind gefragt"

Ob die Tröpfchenbewässerung auch für das Vorhaben Weinviertel und südliches Wiener Becken in Frage kommt und welche weiteren Möglichkeiten man nutzen könnte, werde noch erarbeitet, sagt Neudorfer. Tatsache sei jedoch, dass sich vermutlich die Landwirte für eine überörtliche Versorgung mit den Bewässerungsanlagen zu einer Genossenschaft oder einem Verband zusammenschließen müssten. Aufgrund der um vieles größeren betroffenen Region sei in diesem Fall das Modell des Marchfeldkanals wohl nicht funktionell, bei dem die einzelnen Landwirte einen Brunnen schlagen, eine Bewilligung für die Anlage einholen und diese selbst errichten.

Bleibt noch die vermutlich wichtigste, allerdings unbeantwortete Frage: Wer soll das Vorhaben finanzieren? Das sei ebenfalls eine spannende Frage, sagt Kammerdirektor Raab. Das Vorhaben (250.000 Hektar, die sich für eine Bewässerung eignen) wäre wie gesagt um mehr als das Dreifache größer als das Bewässerungssystem des Marchfeldes (70.000 Hektar). Die Errichtungskosten von Letzterem von umgerechnet 198 Millionen Euro würde man dadurch wohl auch um einiges übersteigen, sagt Raab. Konkrete Kostenrechnungen müssten aber erst erarbeitet werden. "Bund und Land müssten dabei wesentliche Anstrengungen unternehmen", sagt Raab bezüglich der Finanzierung. Tun sie es nicht, würde in naher Zukunft die Wertschöpfung der Region aufgrund der voranschreitenden Dürre jedenfalls massiv eingeschränkt werden.

Positive Signale

Vom Land Niederösterreich kommen positive Signale. Man sei in die Machbarkeitsstudie involviert, heißt es aus dem Büro von Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf. Die Kostenerstellung sei zwar nicht weit genug gediehen, um konkrete Zahlen zu nennen, die Frage der Bewässerung der betroffenen Regionen sei aber eine absolut wichtige.

Das Landwirtschaftsministerium sei in die Machbarkeitsstudie nicht eingebunden, heißt es auf Nachfrage. Daher könne man sich zu dem Vorhaben noch nicht äußern. Projekte zur Bewässerungsinfrastruktur könnten aber grundsätzlich über das Programm Ländliche Entwicklung gefördert werden. Bei der Errichtung des Marchfeldkanals hatte der Bund 45 Prozent der Kosten direkt zugeschossen und das Land Niederösterreich 10. Zudem kamen 15 Prozent aus dem Katastrophenfonds des Bundes und 30 Prozent aus dem Umwelt- und Wasserwirtschaftsfonds, der von Bund und Land gespeist wird.

Eine Beteiligung am Vorhaben Weinviertel und südliches Wiener Becken wäre auf jeden Fall eine Win-win-Situation, sagt Schultes: "Mit einer gesicherten Wasserversorgung erhält die gesamte Region eine mitteleuropäische Sonderstellung, wovon Wirtschaft, Landwirtschaft und Arbeitsmarkt gleichermaßen profitieren würden. Ohne Wasser hingegen drohen Trocken- und Klimaverhältnisse wie in Ostanatolien."

Petra Tempfer, Wiener Zeitung 30.06.2017