Schultes persönlich - Juni 2017

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Liebe Leserin, lieber Leser!

In der französischen Revolution wurden die Eliten der damaligen Zeit

mit großem öffentlichen Spektakel hingerichtet, später haben sich

dann auch die Revolutionäre gegenseitig zum Kopfabschlagen aufs

Schafott geschickt. Das Publikum hatte seine Freude daran, Hinrichtungen

waren gut besuchte Events.

Heute leben wir wesentlich kultivierter. Wir erleben in der brillanten

Bildqualität von HD 4 am Breitbildfernseher geruchloses Blutvergießen

für jede Geschmacksrichtung. Allerdings gibt es jetzt schon so

viele Sender und Parallelangebote, dass man kaum noch jemanden

trifft, der am vergangenen Abend dasselbe Spektakel gesehen hat.

Wenn man nicht darüber reden kann, fehlt der halbe Reiz.

So hat sich in Österreich eine einzigartige Kultur der öffentlichen

Hinrichtung in unseren Nachrichtensendungen entwickelt. Nicht

um die Information geht es, sondern um die Emotion. Gelingt es den

InterviewerInnen, einen Menschen, der freiwillig kommt, so blöd

aussehen zu lassen, dass sich die Szenen auch noch in der TV Thek

verkaufen lassen, dann ist das Ziel erreicht. Dann wird am nächsten

Tag darüber geredet und wir haben ein gemeinsames Thema. Die

wichtigen Entscheidungen für unser Zusammenleben gehen dabei im

Hintergrund verloren.

Für den Klimawandel, für den europäischen Zusammenhalt oder

für das verständnisvolle, bessere Zusammenleben der Menschen in

unserem Land, in Europa, dafür setzen unsere Stars der öffentlichen

Hinrichtungsbühnen wenig Gehirnschmalz ein.

Jetzt kommen wieder Wahlen, Kandidatensuche und Wahlkampf.

Wir werden uns jetzt entscheiden können, ob wir das Publikum am

Spektakelplatz sein wollen und uns darüber abhauen, wie blöd die

da in der Öffentlichkeit sind – oder wir können uns bemühen, dass

die Menschen, die für uns Verantwortung tragen, von uns ermutigt

werden, dass wir sie gelegentlich auch in Schutz nehmen. Noch finden

sich Menschen, die sich für eine öffentliche Aufgabe hergeben, und

diese Herausforderungen schaffen. Eitel darf man nicht sein, gescheit

muss man sein. So gesehen ist es ganz logisch, dass wir heute einem

jungen Menschen den ersten Platz im Land zutrauen. Er ist schon mit

den Herausforderungen unserer Zeit aufgewachsen und kann auch

damit umgehen.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir in Bund und Land handlungsund

entscheidungsfähige Regierungen bekommen. Das wär doch was.

 

Hermann Schultes