Schultes persönlich - Februar 2017

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Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Städte wachsen und das Land verliert. Große Firmen haben in der

Stadt ihre Büros, Regierung und Verwaltung sitzen in der Stadt. Spitäler

und Universitäten, Unterhaltung und Einkaufsmöglichkeiten bieten sich

an. Junge Menschen haben viele Möglichkeiten. Genauso stimmt das

Gegenteil: Die Städte wachsen und das Land gewinnt. Viele erleben, wie

sehr die Stadt die persönlichen Möglichkeiten einschränken kann. Gemeinschaftsleben,

Vereine, gemeinsames Gestalten des Lebens, Freunde

und tägliche Hilfsbereitschaft, Sicherheit und die Nähe zur Natur und

auch die Ruhe sprechen wieder für das Leben am Land.

Für uns aus der Landwirtschaft ist dieses Thema sehr wichtig. Wir bleiben

auf jeden Fall im Dorf und das Zusammenleben ist für uns wichtig.

Wir sehen einander morgen wieder und jeder Streit geht irgendwann zu

Ende, also besser gar nicht streiten und die Probleme lösen. Das bedeutet

aber auch, dass das Dorf unser besonderes Anliegen ist. Kein Wunder,

dass sich für die undankbare Aufgabe des Bürgermeisters so viele Bauern

bereitfinden und das dann gut machen.

Eine Region braucht eine lebendige Wirtschaft, dann können die Menschen

bleiben. Für das Dorf aber ist es wichtig, dass junge Frauen ihr

Leben dort auch verbringen wollen. Heute sind junge Frauen lernbereit

und oft ehrgeiziger als junge Männer. Sie studieren und wollen bald

eine Arbeit. Dann kommt ein Partner, Familie und Leben mit Kindern.

Beruf und Familie sind nicht nur am Bauernhof ein gewohntes Bild. Wer

seine Eltern nicht in unmittelbarer Nähe hat, weiß, wie wichtig für eine

Frau im Beruf eine schnell verfügbare Aushilfe sein kann, wenn Kinder

krank werden. Auch wenn Eltern im Haus sind und plötzlich etwas ist, ist

rasche Assistenz wichtig. Pendeln kostet Geld, auch wenn die Bahn in der

Nähe ist, braucht doch fast ein jeder ein Auto.

Wenn wir unsere Dörfer schützen wollen, ist es gut, das Dorf und seine

Möglichkeiten mit den Augen der jungen Frauen zu sehen.

Alles, was dem Leben Halt, Wärme aber auch Freiheit gibt, das brauchen

wir im Dorf. Gemeinschaft, Netzwerk, Großfamilie, Vereine, Sport, Kulturleben,

Sicherheit und die Möglichkeit Eigentum zu erwerben, das hält

die jungen Menschen am Land, was aber für uns Ältere eine wesentliche

Voraussetzung für unsere eigene Lebensqualität ist. Wir sollten daher den

Jungen zuhören und ihnen helfen, ihre Lebensvoraussetzungen auf ihre

Art zu entwickeln. Oft hilft es schon, wenn wir uns bei manchen Entscheidungen

im Dorf, im Hof und in der Familie nicht immer einmischen. Es

ist nicht leicht, aber es ist gut, wenn wir Geduld aufbringen können.

Ich wünsche uns lebendige Dörfer.

 

Hermann Schultes